Tag 6 – Tag des Donners (Sch…wetter Tag)

Passo Maniva – Passo delle Portole – Passe Mare – Anfo (Lago Idro) – Ponte Caffaro – Camping Miralago – Storo - Tremalzo Die Nachtruhe war notwendig. Der Oberschenkel, der mir am Vorabend noch gehörig Katergefühle bescherte, hat sich beruhigt. Ich fühl mich gut. Wir öffnen den Vorgang, der Himmel ist – wie sollte es anders sein – blau, die Luft rein, vereinzelte Wolken tummeln sich am Horizont. Rein in die Bikeklamotten, Rucksack klar machen und motiviert zum Frühstück, in der Hoffnung, dass dieses hier weit mehr zu bieten hat als nur Zwieback. Es hat.   Wir speisen mit der uns üblichen Ruhe und unhektisch. Zwei Cappuccino, Müsli, Werner haut ordentlich Nutella auf die Stullen. Alles prima. Heute sind wir halbwegs früh dran, es ist erst kurz nach Acht, auf dem Programm steht aber auch wieder eine knackige Tour. Plötzlich verdunkelt sich der Gastraum völlig unvermittelt. In einer Geisterbahn wären jetzt analog identische Lichtverhältnisse. Was ist passiert. Licht war bislang keines an, aber woher kommt die nachtähnliche Umgebungsstimmung. Ein Blick aus dem Fenster gibt Auskunft: Wolken im Achterbahntempo, begleitet von – nun plötzlichem – Donnergrollen. Der Herr Gott hat den Vorhang zu gezogen und ist scheinbar stocksauer auf die Menschheit. Alles dunkelgrau, pfeifender Wind, gescheites Krachen von oben. Da hat jemand seinen Teller nicht aufgegessen. Und was fehlt jetzt noch? Richtig, Regen. Es schüttet. Och, nee. Werner holt schon seine obligaten Packbeutel aus dem Deuter, diesmal den Packbeutel „N“ wie „N“ass, und schält sich in seine komplette Pelle. Bei mir ist das wie immer einfacher: ich hab eine kurze Regenhose und diesesmal – endlich – eine richtige X-Bionic Regenjacke. Da kann nix passieren. Wir warten, doch der Rainy-Man lässt sich nicht beeindrucken, Petrus hat alle Schleusen geöffnet, der zugezogene Wolkenverhang verheißt: Dauerregen, bad day today. Ergo: 9.30h, wir starten, viel zu spät wie immer.   Der Höhenweg hinüber zu den Pässen „delle Portole”, “della Spina” und schließlich „del Mare“ wäre wunderschön, doch bei Prasselregen ist er einfach „nur“ schön. Einige Tunnel gewähren uns Unterschlupf, doch letztlich müssen wir uns den Unbilden des Wetters stellen – hatten wir ja bislang auch noch nicht. Bis hinunter nach Chiese am Lage di Idro werden wir vom feuchten Element begleitet, es hat abgekühlt und nach einiger Rollzeit ist es gegen Mittag Zeit für eine Einkehr im wärmenden Restaurant am Camping „Miralago“. Wir ordern eine ordentliche Vesper und etwas zu trinken, entledigen uns der nassen Klamotten und ziehen eine Zwischenbilanz des heutigen Tages. Was vor uns liegt, ist mächtig knackig. Was hinter uns liegt, brachte nur Nässe und wäre bei strahlend blau, der perfekte Ride gewesen. Wir müssten nun hinauf zum Monte Caplone (1868m), wir befinden uns auf 693m, das Wetter vermittelt nicht den Eindruck einsichtig zu sein, die auf dem Weg befindlichen Schiebepassagen sowie der Hinweis im Roadbook „steiler, steiniger Militärweg“ veranlassen uns, den Schwanz einzuziehen und den Chickenway über Storo hinauf zum Tremalzo (1702m) zu nehmen. Vernunft siegt, alles andere wäre bei diesen Wetterverhältnissen nicht angemessen. Steine & Nässe = Rutschgefahr, zusätzlich die Gefahr eines weiteren Gewitters in unbekannter Höhe und Landschaft, nein – wir sind weder auf Mutprobe, noch gibt es am Ende des Tages einen Orden für Unvernunft. Wer radeln also hinunter bis nach Storo um von dort über den Ampola Pass hinauf auf der Teerstraße zum Rif. Garda unterhalb des Tremalzos zu kurbeln. Anstrengend und mühsam genug, schließlich bedeutet dies fast die gleiche Höhenmeterzahl wie auf dem Plan, jedoch mit wesentlich entspannterem Untergrund (Teer). Wir reiten los, und irgendwann im Laufe des Nachmittags beginnt erneut diese Form der Meditation. Der gleichsame Tritt, der anhaltende Regen und die Monotonie der Bergstrasse sorgt dafür, dass man völlig abschaltet, bzw. sich nur noch mit sich selbst auseinander setzt. In größeren Abständen wird erfrischendes Xenofit getrunken, damit der Mineralienhaushalt in Schwung bleibt, ein, zwei mal eine Gel-Pause – so kommt man auch vorwärts. Mittlerweile hat der Regen gemerkt, dass wir uns nicht unterkriegen lassen und aufgegeben, die vergleichsweise niedrige Temperatur ist geblieben.   Oben am angekommen, hat Werner schon die Lage gepeilt: das Rifugio ist geschlossen. Na bravo. Der Wind pfeift, es ist klamm und kalt, meine Füße pitschepatsche. Gemütlichkeit ist etwas anderes. „Hey Werner, Abfahrt, Fotos machen wir morgen wieder.“ Werner will dennoch ein paar Momente einfrieren, trollt sich dann aber dennoch. Wir fahren wieder ab, hinunter auf 1500m zur Garage Garda, bzw. dem daneben liegenden Albergo Garibaldi. Keine Minute zu spät. Die Wirtsleute sitzen bereits in ihrem Auto und wollen den Ort verlassen, sehen aber gerade noch, wie wir an der Tür kratzen und haben Mitleid. Die Herbergsmutter grinst wissend, öffnet die bereits verschlossene Türe wieder, gibt uns auf italiensch zu verstehen, dass sie in ca. einer Stunde wieder da sind und zeigt uns unser Zimmer, welches wir dankbar annehmen. Zack, peng, sind wir allein im ganzen Haus. Das nenne ich Vertrauen. Wir verbringen die Zeit mit Duschen, aufwärmen, dösen und langsamen auftauen. Eine herrliche Auszeit.   Der Abend verläuft märchenhaft. Ein wunderbares Mahl, ein sehr guter Wein, ein edler Grappa, Lagerfeuer, keine Hektik und das Wissen: wir haben in den letzten 6 Tagen 14.200Höhenmeter plattgemacht und morgen ist nur noch ein Tag für die Galerie: 200 Höhenmeter hoch, 30 Kilometer und dann kommt R*I*V*A. J Vorfreudiges Grinsen huscht während des Einschlafens auf mein Antlitz. J

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